IT wird zur strategischen Führungsaufgabe
Die Diskussion um kritische Infrastrukturen, regulatorische Anforderungen und digitale Souveränität zeigt: IT ist längst kein reines Fachthema mehr. Sie betrifft die Fähigkeit von Organisationen, auch unter veränderten politischen, rechtlichen oder technologischen Rahmenbedingungen handlungsfähig zu bleiben. Organisationen beginnen daher, ihre Abhängigkeiten, Betriebsmodelle und die zugrunde liegenden Rechtsräume neu zu bewerten (siehe hierzu das Arbeitspapier des Hochschulforum Digitalisierung).
Was zunächst nach einer Debatte für Energieversorger, Gesundheitswesen oder öffentliche Verwaltung klingt, betrifft auch Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Formal fallen sie nicht immer eindeutig unter klassische KRITIS-Definitionen. Faktisch übernehmen sie jedoch längst Funktionen, die für Staat, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft von hoher Bedeutung sind: Sie betreiben komplexe digitale Infrastrukturen, verarbeiten sensible Daten, ermöglichen internationale Zusammenarbeit und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Innovationsfähigkeit eines Landes.
Damit verschiebt sich auch die Verantwortung. Fragen zur IT-Architektur, zum Betrieb, zu Sicherheitsstrategien und zu digitalen Abhängigkeiten sind nicht mehr allein in IT-Abteilungen zu verorten. Sie gehören auf die strategische Ebene, also in Präsidien, Geschäftsführungen, Verwaltungsleitungen und Fachbereiche mit hoher Daten- oder Prozessverantwortung.
Hochschulen und Forschungseinrichtungen geraten stärker in den Fokus
In den vergangenen Jahren ist deutlich geworden, dass wissenschaftliche Einrichtungen verstärkt Ziel von Cyberangriffen werden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an IT-Sicherheit, Governance und Nachweisfähigkeit. Mit der NIS2-Richtlinie nimmt der regulatorische Druck weiter zu: Organisationen müssen sich systematischer mit Sicherheitsstrukturen, Verantwortlichkeiten und Resilienz auseinandersetzen. Zugleich rücken rechtliche Spannungsfelder stärker in den Fokus, wie aktuell zwischen den Anforderungen der DSGVO und möglichen Zugriffspflichten nach US-Recht wie dem CLOUD Act (mehr dazu).
Aus unserer Marktbeobachtung wird dabei besonders deutlich: Viele Einrichtungen haben die Relevanz des Themas erkannt, stehen aber vor der Herausforderung, digitale Souveränität in gewachsenen Strukturen konkret greifbar zu machen. Denn es geht nicht nur um einzelne Technologieentscheidungen. Es geht um ein gemeinsames Zielbild, das technische, organisatorische und rechtliche Perspektiven zusammenführt.
Digitale Souveränität ist mehr als Datenhaltung
Der Begriff digitale Souveränität wird häufig mit Datenhaltung oder Rechenzentrumsstandorten verbunden. Diese Aspekte sind wichtig, aber greifen allein zu kurz. Entscheidend ist auch, in welchem Rechtsraum Systeme betrieben werden, welche Zugriffsmöglichkeiten bestehen und wie transparent sich Abhängigkeiten bewerten lassen (siehe beispielhaft „Campusgrün setzt klares Signal für Digitale Souveränität an Hochschulen“).
Selbst technisch leistungsfähige Lösungen können strategische oder regulatorische Risiken mit sich bringen, wenn Verantwortlichkeiten, Zugriffsrechte oder rechtliche Rahmenbedingungen nicht eindeutig geklärt sind. Für Hochschulen und Forschungseinrichtungen ist das besonders relevant, weil sie sich in einem anspruchsvollen Spannungsfeld bewegen: internationale Offenheit, wissenschaftliche Kooperation, dezentrale Strukturen und steigende Schutzanforderungen müssen miteinander vereinbar bleiben.
Digitale Souveränität bedeutet deshalb nicht, sich technologisch abzuschotten. Sie bedeutet, bewusst entscheiden zu können: Welche Systeme werden eingesetzt? Welche Abhängigkeiten entstehen dadurch? Welche Risiken sind akzeptabel und wo braucht es Alternativen, klare Governance oder zusätzliche Schutzmechanismen?
Gewachsene IT-Landschaften erhöhen die Komplexität
Ein weiterer Faktor wird in der Praxis häufig unterschätzt: die strukturellen Abhängigkeiten innerhalb gewachsener IT-Landschaften. In Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind über Jahre hinweg heterogene Architekturen entstanden, geprägt durch Fachanforderungen, Projektlogiken, dezentrale Entscheidungen, Förderstrukturen und politische Rahmenbedingungen.
Das Ergebnis sind vielfach fragmentierte Systemlandschaften mit unterschiedlichen Technologien, Schnittstellen, Betriebsmodellen und Verantwortlichkeiten. Was im Alltag funktioniert, kann im Krisenfall zur Belastung werden: etwa dann, wenn Systeme nicht ausreichend integriert sind, Wissen an einzelne Personen gebunden ist oder Abhängigkeiten von bestimmten Anbietern erst spät sichtbar werden.
Digitale Souveränität beginnt daher mit Transparenz. Einrichtungen müssen wissen, wo kritische Abhängigkeiten bestehen, welche Systeme besonders relevant sind und welche Architekturentscheidungen langfristig Handlungsspielräume schaffen oder einschränken. Erst auf dieser Basis lassen sich tragfähige Zielbilder entwickeln.
Souveränität und Innovation gehören zusammen
Gerade Hochschulen und Forschungseinrichtungen müssen ihre digitale Infrastruktur sicherer, steuerbarer und resilienter machen, ohne ihre Innovationsfähigkeit einzuschränken. Denn Forschung, Datenanalyse, Künstliche Intelligenz, internationale Kooperationen und digitale Verwaltungsprozesse entwickeln sich dynamisch weiter.
Digitale Souveränität darf daher nicht als Gegenentwurf zu Innovation verstanden werden. Im Gegenteil: Sie schafft den Rahmen, in dem Innovation langfristig verlässlich möglich bleibt. Wer Plattformen integriert, Standards etabliert und Governance-Strukturen klar definiert, schafft mehr Flexibilität – nicht weniger.
In der Praxis zeigt sich: Einrichtungen profitieren besonders dann, wenn Sicherheitsanforderungen, Betriebsmodelle und Innovationsbedarfe nicht isoliert betrachtet werden. Entscheidend ist ein Architektur- und Steuerungsansatz, der Kontrolle und Offenheit, Stabilität und Veränderungsfähigkeit sowie Compliance und wissenschaftliche Dynamik miteinander verbindet.
Jetzt braucht es ein klares Zielbild
Für Hochschulen und Forschungseinrichtungen ist jetzt ein guter Zeitpunkt, digitale Souveränität strategisch zu gestalten. Denn viele Entwicklungen laufen parallel: steigende regulatorische Anforderungen, zunehmende Bedrohungslagen, wachsende Datenmengen, neue KI-Anwendungsfelder und der Wunsch nach mehr Effizienz in Verwaltung, Forschung und Lehre.
Entscheidend ist dabei ein konsistentes Zielbild, das Architektur, Betrieb, Sicherheit und Governance zusammenführt. Dazu gehören klare Verantwortlichkeiten, transparente Risiken, integrierbare Plattformen und belastbare Betriebsmodelle. Wer diese Themen strategisch bündelt, gewinnt Handlungsspielräume. Wer sie dagegen nur reaktiv bearbeitet, läuft Gefahr, dass technische, rechtliche und organisatorische Abhängigkeiten weiter wachsen.
Unser Blick aus der Praxis
Aus unserer Erfahrung entsteht digitale Souveränität Schritt für Schritt: durch die Analyse bestehender IT-Landschaften, die transparente Bewertung von Risiken und die bewusste Weiterentwicklung vorhandener Strukturen. Es geht nicht darum, gewachsene Systeme pauschal zu ersetzen, sondern Steuerbarkeit, Sicherheit und Anpassungsfähigkeit gezielt zu erhöhen.
Gerade für Hochschulen und Forschungseinrichtungen ist das relevant, weil digitale Infrastruktur immer stärker zur Voraussetzung wird, um den institutionellen Auftrag in Forschung, Lehre und Verwaltung zuverlässig erfüllen zu können. Wer heute die richtigen Weichen stellt, sichert langfristig Handlungsfähigkeit – und damit die Gestaltungsmöglichkeiten von morgen.
Sie möchten wissen, wie Hochschulen und Forschungseinrichtungen digitale Souveränität strategisch angehen können? Erfahren Sie mehr über unsere Perspektiven, Leistungen und Erfahrungen rund um digitale Souveränität auf unserer Webseite.