Open Source wird häufig als Schlüssel für digitale Souveränität genannt. Wo sehen Sie aktuell die größten Abhängigkeiten für Behörden und Kommunen?
Landrat Markus Bauer: Was die Umsetzung digitaler Souveränität in der Praxis erschwert, ist, dass nach wie vor Unsicherheiten in der Zusammenarbeit zwischen den kreisangehörigen Städten und Gemeinden sowie der Zivilgesellschaft bezüglich Digitalisierungsthemen bestehen. Viele Fachverfahren und Infrastrukturen sind historisch gewachsen. Das stößt bei der Aufgabenerfüllung zunehmend an organisatorische und technische Grenzen. Es gibt Abhängigkeiten von einzelnen Dienstleistern, die unsere Flexibilität einschränken und es erschweren, Systeme souverän zu betreiben. Ziel muss es sein, langfristig mehr Kontrolle über unsere Daten und die dahinterliegenden Systeme zu gewinnen und damit die Resilienz unserer Verwaltung zu stärken.
Welche Rolle spielt Open Source in diesen Überlegungen?
Landrat Markus Bauer: Open Source ist für mich keine theoretische Option mehr. Sie hat sich als praktikabler Weg etabliert, um IT‑Infrastrukturen widerstandsfähiger, nachvollziehbarer und nachhaltiger zu gestalten. Natürlich treffen hier zwei Realitäten aufeinander: gewachsene, abhängige IT-Betriebsinfrastrukturen und das politisch formulierte Ziel der digitalen Souveränität. Eine Annährung gelingt nicht über Nacht, aber jede erfolgreich umgesetzte Maßnahme bringt mehr Sicherheit, mehr Transparenz und mehr Kontrolle über die eigenen Daten.
In der Diskussion wird häufig der Speicherort der Daten betont. Ist das wirklich entscheidend?
Steffen Schäfer: Der Ort, an dem Daten gespeichert werden, ist ein wichtiger Faktor – insbesondere im Hinblick auf Datenschutz, Compliance und Datensicherheit. Viele Verwaltungen achten daher bewusst auf Rechenzentrumsstandorte in Deutschland. Digitale Souveränität geht jedoch darüber hinaus. Entscheidend ist auch, wie souverän die Infrastruktur gestaltet ist, mit der die Daten verarbeitet werden. Die Kombination aus Open-Source-Software und Rechenzentren in Deutschland ermöglicht dabei ein besonders hohes Maß an Kontrolle und Nachvollziehbarkeit.
Wie sieht die Realität im Salzlandkreis heute aus?
Landrat Markus Bauer: Nahezu jede Aufgabe ist heute digital geprägt und gleichzeitig mit hohen Erwartungen an Geschwindigkeit und Servicequalität verbunden. Viele Verwaltungsprozesse sind jedoch technisch und organisatorisch lange vor den heutigen digitalen Möglichkeiten entstanden. Das führt mich und mein Team oft in eine Art Komplexitätsfalle. Zahlreiche Fachverfahren lassen sich nur schwer integrieren oder an moderne Sicherheits‑ und Infrastrukturstandards anpassen. Dadurch entstehen starke Abhängigkeiten von Herstellern – etwa bei Schnittstellen, Updatezyklen oder der Risikobewertung bei Störungen und Sicherheitsvorfällen.
Welche Chancen sehen Sie durch Open Source?
Landrat Markus Bauer: Open-Source‑Lösungen stehen für mehr Transparenz und langfristig geringere Abhängigkeiten. Damit diese Chancen wirksam werden, müssen wir Kompetenzen in den Verwaltungen aufbauen, sowohl für den Betrieb als auch für das Verständnis moderner digitaler Arbeitsweisen. Das gelingt meist nicht allein. Umso wichtiger sind Kooperationen mit anderen Kommunen im Salzlandkreis.
Was braucht es, um unabhängige Lösungen zu beschaffen?
Landrat Markus Bauer: Drei Dinge sind aus meiner Sicht entscheidend: strategische Klarheit, fachliche und technische Grundlagen sowie ausreichende personelle und finanzielle Ressourcen, um konkrete Vorhaben umzusetzen. In meiner Rolle als Landrat obliegt es mir, alles Erforderliche in meinem Haus zu veranlassen, damit das gelingt. Dafür haben wir uns in den letzten Jahren in unserer Verwaltung stetig weiterentwickelt. So gibt es inzwischen etablierte organisatorische Strukturen, die uns dabei helfen, unsere Ziele zusammen zu erreichen.
Am Anfang steht ein gemeinsames Zielbild: Bei welchen Aufgaben möchten wir künftig unsere souveräne Handlungsfähigkeit erhöhen? Welche bestehenden Abhängigkeiten wollen wir dabei reduzieren? Und welche Rolle kann Open Source dabei spielen?
Technisch braucht es offene Standards, modulare Architekturen und klare Schnittstellen. Außerdem sind Expertise im Umgang mit Open-Source‑Technologien und die Fähigkeit, die digitale Transformation als großes Gesamtprojekt zu verstehen, gefragt.
Welche Rolle spielt dabei die interkommunale Zusammenarbeit?
Landrat Markus Bauer: Eine sehr große! Nicht jede Kommune muss alles allein leisten. Aufgaben können aufgeteilt und Ergebnisse gemeinsam genutzt werden – zum Beispiel bei KI-Anwendungen, Governance-Modellen oder digitalen Basisdiensten. Shared Services, gemeinsame Rechenzentrumsleistungen oder landesweite Basisangebote helfen, Ressourcen effizient einzusetzen und auch kleineren Kommunen den Einstieg in komplexe Open-Source-Vorhaben zu ermöglichen.
Welche konkreten Vorstellungen haben Sie an eine vertrauenswürdige Verarbeitung der Daten in Ihrem Landkreis?
Landrat Markus Bauer: Bürgerinnen und Bürger müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Daten sicher, transparent und verantwortungsvoll behandelt werden. Es muss jederzeit nachvollziehbar sein, welche Daten wie verarbeitet und wo sie gespeichert werden. Dafür braucht es Lösungen mit offenen Standards und – wo sinnvoll und möglich – Open-Source‑Komponenten. Im Salzlandkreis haben wir inzwischen dafür im Blick, dass Organisation und Technik zusammenpassen müssen. So entsteht für mich echte Sicherheit.
Datenverarbeitung im eigenen Verantwortungsbereich und technologische Souveränität wird dabei aus meiner Sicht zum zentralen Erfolgs- aber auch zum entscheidenden Sicherheitsfaktor. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass wir schon seit Jahren strategisch darauf achten, dass Daten nicht unkontrolliert zu externen Dienstleistern wandern. Welche Rolle hier künftig weitere regionale Rechenzentren übernehmen können, untersuchen wir aktuell. Ziel muss es sein, Abhängigkeiten von einzelnen Herstellern und geschlossenen Systemen abzubauen.
Dazu braucht es im eigenen Haus hohe Sicherheitsstandards, klare Rollen- und Berechtigungskonzepte sowie regelmäßige Sicherheits‑ und Datenschutzanalyse.
Welche Verbindung besteht zwischen Open Source, der Souveränität über Daten und technologischer Eigenständigkeit?
Steffen Schäfer: Es ist entscheidend, alle Aspekte ganzheitlich zu betrachten. Open Source verbindet technische, datenschutzrechtliche und strategische Anforderungen. Besonders in der öffentlichen Verwaltung zeigt sich, dass offene Lösungen eine nachhaltige und freie Nachnutzung sowie gemeinsame Weiterentwicklung ermöglichen. Das stärkt nicht nur die digitale Souveränität der Verwaltung, sondern schafft auch Mehrwerte für Bürgerinnen, Bürger und Wirtschaft.
Reicht es aus, einzelne Anwendungen wie Bürosoftware zu ersetzen?
Steffen Schäfer: Büroanwendungen sind ein wichtiges Arbeitsmittel im Alltag von Verwaltungen. Sie ermöglichen den Austausch von Informationen, Kommunikation miteinander und bilden nicht selten die Schnittstelle in Fachverfahren. Lösungen wie openDesk oder Nextcloud machen digitale Souveränität im Arbeitsalltag greifbar, sind aber nur ein Baustein. Entscheidend ist das Gesamtkonzept: Qualifizierung der Mitarbeitenden, Integration in Fachverfahren und die Modernisierung von Prozessen.
Open Source ist daher eine wichtige Säule moderner IT-Lösungen für die öffentliche Verwaltung. Typische Open-Source-Komponenten reichen von Betriebssystem (z.B. Linux) und Datenbanken (z.B. PostgreSQL) bis hin zu Identitäts- und Kollaborationslösungen. Wichtig ist, Open Source als Eigenschaft souveräner IT-Lösungen zu verstehen und strategisch mitzudenken.
Wie fließen Open-Source‑Ansätze in die langfristige Planung des Salzlandkreises ein?
Landrat Markus Bauer: Open-Source-Lösungen unterstützen offene, herstellerunabhängige Arbeitsumgebungen und kontrollierbare Datenflüsse. Gerade bei sensiblen Bürgerdaten ist diese Nachvollziehbarkeit entscheidend. Unser Ziel ist es, Abhängigkeiten abzubauen, Lock‑in‑Effekte zu reduzieren und unsere hochkomplexen digitalen Arbeitsweisen so weit wie möglich zu vereinheitlichen. Damit schaffen wir die Grundlage für eine langfristig souveräne Verwaltung.
Wir bedanken uns recht herzlich bei Landrat Markus Bauer für das offene Interview!