Eine Praxis-Checkliste für Energieversorger
Digitale Zwillinge gehören inzwischen zu den zentralen Konzepten der Digitalisierung einer EVU-Infrastruktur. Netzbetreiber, Stadtwerke und Kommunen müssen ihre Netze effizienter planen, betreiben und ausbauen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen durch Energiewende, Netzausbau und regulatorische Vorgaben.
Der Digitale Zwilling bietet den Energieversorgern einen neuen Zugang: Er verbindet räumliche Daten, technische Informationen und Planungsmodelle zu einem gemeinsamen Informationsraum. Anlagen, Leitungen und Flächen werden virtuell sichtbar und lassen sich im Zusammenhang analysieren. Eine immense Arbeitserleichterung, die manche Prozesse in Minuten erledigt, die sonst Monate benötigen.
Als EVU fragen Sie sich eventuell: Wie kann ein Digitaler Zwilling für uns konkret aussehen? Und was müssen wir auf dem Weg dorthin tun?
Die gute Nachricht ist: Der Aufbau eines Digitalen Zwillings erfolgt selten in einem großen Sprung. Erfolgreiche Einführungen beginnen erst einmal mit einem konkreten Ziel, nutzen vorhandene Daten und wachsen anschließend schrittweise zu einer umfassenden Plattform.
Die folgende Checkliste zeigt Ihnen daher sechs zentrale Schritte, die sich in der Praxis bewährt haben.
Schritt 1: Zielbild definieren
Am Anfang jedes Projekts steht eine strategische Frage: Wofür möchten Sie den Digitalen Zwilling einsetzen? Ohne ein klares Ziel bleibt das Projekt häufig abstrakt oder verliert sich in technischen Details.
Der Digitale Zwilling kann für Sie unterschiedliche Aufgaben erfüllen – von der Visualisierung von Anlagen bis zur konkreten Planungsunterstützung. Entscheidend ist, welche Prozesse in Ihrem Unternehmen konkret profitieren sollen.
Typische Zielsetzungen sind beispielsweise:
- bessere Entscheidungsgrundlagen für Netzplanung
- Unterstützung von Genehmigungs- und Beteiligungsverfahren
- effizientere Wartungs- und Instandhaltungsplanung
- Visualisierung von Ausbauprojekten
- Unterstützung der kommunalen Wärme- und Energieplanung
Wenn Sie dieses Ziel für sich formuliert haben, fallen Ihnen die nächsten Schritte erheblich leichter. Sie können dadurch relevante Datenquellen besser identifizieren und Prioritäten bei der Umsetzung setzen.
Schritt 2: Konkrete Use Cases auswählen
Digitale Zwillinge entfalten ihren Nutzen vor allem dann, wenn man sie an konkreten Anwendungsfällen entwickelt. Anstatt sofort ein vollständiges Modell des gesamten Netzgebiets aufzubauen, empfiehlt sich zum Start ein Einstieg bei einem kleineren, klar definierten Prozess. Das wird Ihr Use Case – und geeignete Use Cases zeichnen sich durch zwei Eigenschaften aus: Sie sind gut abgrenzbar und ihr Nutzen wird schnell sichtbar.
Häufige Einstiegsanwendungen in EVUs sind zum Beispiel:
- 3D-Visualisierung von Umspannwerken oder Leitungsabschnitten
- Standortsuche für neue Netzanlagen
- Planung und Erweiterung bestehender Infrastruktur
- Unterstützung von Genehmigungsprozessen
- Asset-Management und Wartungsplanung
- Solarpotenzialanalysen für Gebäude
Solche Anwendungen zeigen Ihnen früh, welchen Mehrwert ein Digitaler Zwilling im Arbeitsalltag bietet. Gleichzeitig sind sie die ideale Grundlage für den späteren Ausbau.
Schritt 3: Vorhandene Daten sichten und bewerten
Ein zentraler Schritt beim Aufbau Ihres Digitalen Zwillings ist die systematische Sichtung der vorhandenen Daten. In den meisten Energieunternehmen existieren bereits umfangreiche Informationsbestände – häufig jedoch verteilt auf unterschiedliche Systeme.
Zu den wichtigsten Datenquellen gehören unter anderem:
- GIS-Daten zu Leitungen und Netzanlagen
- Asset-Management-Systeme
- ERP- oder SAP-Daten
- CAD-Pläne von Anlagen und Gebäuden
- Orthofotos und Geländemodelle
- offene Geodaten der Landesvermessungsämter
Der Mehrwert eines Digitalen Zwillings entsteht vor allem dadurch, dass Sie diese Daten erstmals miteinander verknüpfen können. So können Sie zukünftig räumliche Informationen und technische Sachdaten gemeinsam betrachten, analysieren und für Planungsprozesse nutzen.
Bereits mit vorhandenen Daten entstehen meist überzeugende Modelle. Wichtig dabei: Eine sorgfältige Bewertung von Datenqualität, Aktualität und Formaten, damit Sie die nächsten Schritte sauber umsetzen können.
Schritt 4: Technische Infrastruktur planen
Damit Sie Ihren Digitalen Zwilling dauerhaft nutzen können, benötigt er eine stabile technische Basis. Diese Infrastruktur verbindet bestehende Systeme und stellt die Daten in einer gemeinsamen Umgebung bereit.
Wichtige Elemente einer solchen Architektur sind:
- Datenplattform für Speicherung und Verarbeitung
- Schnittstellen zu GIS-, CAD-, ERP- und Asset-Systemen
- Werkzeuge zur 3D-Visualisierung
- Rollen- und Zugriffskonzepte für Nutzergruppen
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Skalierbarkeit. Digitale Zwillinge wachsen häufig mit der Zeit: Neue Datenquellen kommen hinzu, zusätzliche Anwendungen entstehen, weitere Fachbereiche greifen auf die Plattform zu. So soll das sein – und eine offene Architektur erleichtert diesen Ausbau erheblich.
Schritt 5: Pilotprojekt umsetzen
Nun beginnt die Umsetzung. Ein wichtiger Moment, in dem sich die Praxistauglichkeit Ihres Digitalen Zwillings beweisen wird.
Geeignete Pilotprojekte sind beispielsweise:
- ein einzelnes Umspannwerk
- eine Leitungstrasse
- ein Stadtquartier
- eine ausgewählte Kommune
In dieser Phase werden technische Schnittstellen getestet, Datenstrukturen überprüft und erste Arbeitsprozesse im Modell erprobt. Gleichzeitig erhalten Fachabteilungen einen direkten Eindruck davon, wie sie den Digitalen Zwilling im Alltag nutzen können.
Wichtige Ergebnisse, die Sie aus diesem Pilotprojekt ziehen werden, sind unter anderem:
- Erkenntnisse zur Datenqualität
- Erfahrungen mit Visualisierung und Analyse
- Feedback aus Fachabteilungen
- erste Standards für Datenformate und Modellierungsrichtlinien
Diese Erfahrungen bilden die Grundlage für die weitere Skalierung.
Schritt 6: Plattform ausbauen und skalieren
Ist der Nutzen Ihres Zwillings in Ihrem konkreten Pilotprojekt sichtbar geworden, können Sie ihn nun schrittweise erweitern. Ab diesem Zeitpunkt entwickelt sich Ihr System von einem Projekt zu einer langfristigen Plattform mit immer weiter steigendem Mehrwert.
Typische Ausbaustufen sind beispielsweise:
- Integration weiterer Anlagen und Netzbereiche
- Verbindung mit Asset-Management-Systemen
- Erweiterung um 3D-Planungsmodelle
- Integration von Analysefunktionen und Simulationen
- Nutzung für Bürgerdialog und Projektkommunikation
Je mehr Datentiefe und Systemintegration Ihr Digitaler Zwilling erfährt, desto mehr wird er zu einem zentralen Werkzeug für Planung, Betrieb und Kommunikation.
Ihr Digitale Zwilling entsteht Schritt für Schritt
Der Aufbau eines Digitalen Zwillings ist kein einmaliges IT-Projekt. Er entwickelt sich in mehreren Phasen – vom ersten Use Case bis zur umfassenden Plattform für Infrastrukturplanung und Netzbetrieb. Diese Schritte sind absolut machbar – auch für kleine EVUs, die aus einem Zwilling einen wichtigen Nutzen ziehen werden.
Weiterführende Informationen – unsere Whitepaper
Digitaler Zwilling, Whitepaper Teil 1: Vom Datenbestand zum Lagebild
Wie der Digitale Zwilling Komplexität beherrschbar macht – Grundlagen & Use Cases
Digitaler Zwilling, Whitepaper Teil 2: Vom ersten Lagebild zur integrierten Lösung
So wächst Ihr Digital Twin mit Ihnen – Ausbaustufen & Next Steps.